Oftmals und in Gesprächen mit anderen Künstlern habe ich von der Besessenheit einiger gehört, die Verbindung zwischen dem angefertigten Werk und der äußeren Welt suchen zu wollen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass das Werk aus dem Inneren des Künstlers heraus entstehen muss, ohne dass dieses zwangsläufig der Verbindung unterworfen ist.
Die Freiheit des Schaffens des Malers muss bis hin zum äußersten Extrem gebracht werden. Zum Zeitpunkt der Anfertigung des Kunstwerks muss jeglicher Knoten gelöst werden, der das Innerliche mit dem Äußerlichen verbindet, damit diese Verbindung des Inneren mit dem Äußeren dich nicht einschränkt und dir auch nicht die Weichen für einen einzigen Strich oder eine einzige Farbnuance stellt. Das Werk, das rein im Inneren des Künstlers entsteht, antwortet, nachdem es ausgestellt ist, auf alle äußeren Empfindungen in dieser Verbindung des Geistigen mit dem Materiellen, in dieser Verbundenheit, die zwischen Werk und Betrachter existieren muss und eine Verschmelzung der Liebe und nicht der Analyse sein sollte.
Jorge Rando, Malaga, im Januar 2003
Ich bin Maler und ich bin glücklich, wenn ich Dichtung lese, Musik höre und die Natur beobachte, aber trotzdem bin ich beim Malen nicht glücklich. Wenn ich lese, zuhöre oder beobachte, kann ich völlig frei meinen Gedanken und Wünschen nachgehen, meine Frustration vergessen, wenn ich jedoch male, dann werde ich mir vollkommen meiner Grenzen und meiner Unfähigkeit bewusst. Wenn ich eine Herde Pferde oder eine Hundemeute, eine Schweineherde oder eine Schafsherde beobachte, werden mir Empfindungen übermittelt, die niemals mit einem Fotoapparat eingefangen werden könnten, da in der Fotografie ja der genaue Zeitpunkt auf absolut treue Weise seinen Niederschlag fände, jedoch nur in diesem Moment; wenn hingegen die Seele des Malers diese Schweineherde vorbeiziehen sieht, erfasst er nicht nur das Plastische und die Bewegung, sondern alle Sinneseindrücke, die diese Schweine durch die Zeit hindurch bei ihm hervorgerufen haben und in seinem Geist erscheinen Bilder mit Schweinen als Protagonisten, wie man als Kind mit staunenden Augen das Mastschwein, das durch die ganze Familie mit dem Gedanken an das Schlachten und an die Feierlichkeiten gehütet wurde, auf dem Feld betrachtete. Als du bereits älter warst und es beim Weiden auf dem Feld beobachtetest oder wenn du auf der Autobahn einem LKW voller Schweine begegnetest, auf dem Weg zum Schlachthaus, wenn du dich in den Supermarkt begibst und dich vorne an der Fleischtheke befindest, wo du das Pökelfleisch und die Schinken als prächtigen Schmuck siehst, wie sie da majestätisch am Haken hängen … all das kann man nicht in einem Moment durch eine bloße Fotografie erfassen und all diese Empfindungen sind das, was ich als Maler auf der Leinwand formen möchte und das Ergebnis mit begrenztem Wissen und unbegrenztem Instinkt in der Zeit ist das, was bleibt, damit, nachdem das Bild gemalt ist, der Maler sich vom Werk zurückzieht und zu einem weiteren Betrachter desselben wird, bereit, die Fragen an das Bild zu stellen, die er einem anderen Werk stellen würde, das er gerade beobachtet und schätzt.
Jorge Rando, Malaga, im Januar 2003
In vielen meiner Schriften, in denen ich meine Überlegungen und Empfindungen über die Kunst zum Ausdruck bringe, spreche ich von der Liebe. Dieses wunderschöne Wort benutze ich im weitesten Sinne mit all seinen Bedeutungen, denn die Liebe ist auch Leiden, Leidenschaft, Arbeit und letztendlich das Leben selbst. Alles wird von der Liebe angetrieben; daher ist die Schöpfung ohne Liebe nur Farbe ohne Seele.
Wenn man den Blick über die Landkarte Afrikas streifen lässt und ein Fenster öffnet, um zu sehen, was auf diesem wundervollen Kontinent geschieht, gefriert einem die Seele angesichts des großen Leidens, aber die Seele gefriert einem aus Liebe und aus Liebe leidet man mit ihnen, und aus Liebe malt man diese Tragödien und aus Liebe erleidet man diese schrecklichen Kopfschmerzen, während man diese lebenden Skelette malt, die von ihren Müttern nirgendwohin getragen werden, aus Liebe malt man frenetisch all diesen Schrecken, der nur Menschen, in denen das Empfinden der Liebe nicht existiert, unberührt läßt. Angesichts einer grausamen Schandtat sagt man manchmal... er hat keine Gefühle. Falsch! Er hat schon Gefühle, aber er besitzt keine Liebe.
Ich möchte das Wort Liebe von den kitschigen Werbeslogans und der Propaganda des Valentinstages befreien. Die Liebe ist wesentlich mehr als all dies und vor allem ist sie etwas Ernsthafteres als eine Praline in einer roten Schachtel.
Wenn der Künstler aus seinem Inneren heraus schafft, schafft er aus Liebe; Das Innere des Künstlers ist Liebe.
Es gibt einen Ausdruck im Volksmund, den man benutzt, um auszudrücken, dass man etwa tut, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Dieser Ausdruck ist “aus Liebe zur Kunst“, denn die Kunst muss rein sein und wir Künstler müssen unser Möglichstes tun, um diese Reinheit in der Kunst zu bewahren, diese Reinheit, die aus der Liebe hervorgeht und aus dieser Liebe heraus unermesslich wird. Damit alle, die mit der Kunst zu tun haben – und nicht nur die Künstler – weiterhin diese Liebe für die Kunst pflegen und damit dieses Gefühl stärker ist als die kommerziellen Kriterien, die heute alles verseuchen, muss der Künstler “aus Liebe zur Kunst“ beginnen, gegen all dies anzukämpfen, das die sogenannte Welt der Kunst verdirbt. Denn diese Welt der Kunst ist größtenteils in Händen von guten Händlern, die sich der Kunst bedienen, ohne sie zu lieben und sie mit der Macht des Geldes verdorben haben. Selbst gute Künstler lassen sich von den vorgezeichneten Wegen dieser Marktschreier, die nur auf Kosten der Kunst Geld verdienen wollen, leiten. Glücklicherweise gibt es noch Personen, die aus “Liebe zur Kunst“ malen, und Kunsthändler, die dies aus “Liebe zur Kunst“ sind.
Jorge Rando, Málaga, Januar 2003
Die Malerei lässt sich, um einen umgangssprachlichen Ausdruck zu benutzen, nur analysieren, wenn “die Gefahr vorbei“ ist. Man kann darüber sprechen, schreiben und diskutieren, wie in einer bestimmten Epoche dies oder jenes auf die eine oder die andere Art gemalt wurde, um die Evolution der Malerei im Laufe der Menschheitsgeschichte zu beschreiben. Aber während der Künstler sein Werk ausführt, darf man nicht versuchen, es schon zu etikettieren, unter anderem weil dies, wenn auch auf minimale Weise, eine Art der Einschränkung des kreativen Prozesses wäre; und ein weiterer Grund ist, dass derjenige, der das Werk in eine bestimmte Kategorie einordnet, weder das Werk ausgeführt hat noch in der Haut desjenigen gesteckt hat, der es in diesem Moment geschaffen hat.
Einige werden sich jetzt fragen, ob man nun angesichts eines Kunstwerkes “sehen, hören und schweigen“ muss. Ich würde darauf antworten, dass dies weit entfernt von meiner Absicht ist. Natürlich muss man das Kunstwerk betrachten! Natürlich muss man jedem zuhören, der über es sprechen will! Und selbstverständlich soll man auch seine Meinung äußern, immer vorausgesetzt, dass diese aus dem persönlichen Dialog mit Werk und nicht aus anderen Blickwinkeln heraus entsprungen ist. Leider funktioniert in unserer heutigen Gesellschaft alles aus kommerziellen Gesichtspunkten heraus, und es interessiert nur das, was sich gut verkaufen lässt. Die kommerziellen Interessen regieren auch “fast“ schon die Welt der Kunst. Der Kreis derjenigen, die “aus Liebe zur Kunst“ arbeiten, wird immer enger und viele gute Künstler haben sich in diesem Triebwerk angesiedelt, das sie führt und ihre Werke sogar mit Preisschildern versieht. Mir stellen sich die Haare zu Berge, wenn ich einen Galeristen über einen renommierten Künstler sagen höre, dass dieser eine “Serie“ von hundert großformatigen Gemälden vorbereitet. Da sollte man sich ohne weiteres fragen, ob die Schöpfung in der Anzahl der Gemälde, ihres Formats, in der Nachfrage oder im Geniestreich des Galeristen liegt.
Jorge Rando, Madrid, März 2003